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L’Eroica 2014

Published on October 7, 2014 by in Rennrad

titelDie Herausforderung der historischen Rennradtour „Eroica“ lässt sich mit der Wahl der Streckenlänge und des Alters des Fahrrades selber dosieren. Für mich sollte es der ultimative Test von Mensch und Maschine werden.

Die Sonne ist gerade über den rollenden Hügeln der Toskana aufgegangen und taucht die Gegend in ein warmes Rot. Trotzdem ist es am Start zur Eroica in Gaiole-in-Chianti zum Schlottern kalt. Die wollenen Hosen und bunten Trikots  geben im Schatten der historischen Häuser zu wenig warm. Mit klappernden Zähnen schieben wir mit 3000 andern Fahrradbegeisterten die alten Rennräder in Richtung Startlinie. Die Aluflasche ist gefüllt und der Reservereifen um die Schultern gewickelt. „Nur keinen Platten“ denke ich und drücke mir heimlich selber die Daumen. Unterwegs einen neuen Colle-Reifen aufzukleben wäre ein kleines Desaster. Aber mein 65-jähriges Rennrad (Titan, Belgien – zusammengebaut vom Rahmenbauer Moser, Zürich) ist eigentlich gut in Schuss, mehrere Touren auf Schweizer Forstwegen hat es gut überstanden.

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Nachdem unsere Startkarte abgestempelt ist, rollen wir mit hunderten von historischen Rennradfahrern Richtung Pianella. Die Sonnenstrahlen und das Aufwärtsfahren erwärmen die eiskalten Muskeln. Die ersten Kilometer auf  asphaltierten Strassen erlauben mit Gleichgesinnten über ihre schönen Rennräder zu plaudern. Wegen der Sprachbarriere bleibt es jedoch oft bei einen „Bella bicicletta“ und einem freundlichen Lächeln. Kurz vor dem ersten Anstieg beginnt die klassische weisse Staubstrasse, die „strada bianca“. Hier passiert auch schon mein erstes Ungeschick. Meine Simplex-Schaltung, die Tour-de-France-Schaltung der 50er Jahren,  hat nur 5 eher strenge Gänge. Also geht es im Wiegetritt zügig den langen Bergrücken hoch. Da dreht das Hinterrad im Kies plötzlich durch und ich stürze in voller Fahrt. In Puderzucker getaucht betrachte ich den angerichteten Schaden. Blutende Schürfungen mit eingegrabenen Steinchen am Unterarm und Bein ergibt die medizinische Bestandsaufnahme. Das Rad scheint noch funktionstüchtig zu sein. Ein freundlicher, älterer Zuschauer hilft mir den Lenker wieder gerade zu biegen. Etwas Wasser über die Wunden, den Strassenstaub abklopfen und weiter geht’s. Es folgen toskanische Landschaften aus dem Bilderbuch mit goldigen Weinbergen, verlassenen Gutshöfen und Zypressenalleen.

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Gerade als ich denke, dass der Rest der Strecke sicherlich unfallfrei wird, reisst ein anderer Rennradfahrer mich wieder zu Boden. Er fällt gefährlich auf mein Vorderrad und die historischen Flügelmuttern bohren sich durch sein Trikot in seinen Rücken. Sein Rad bleibt heil und seine Wunden sind rasch desinfiziert. Erst beim Aufstellen meines Rades fällt mir auf, dass mein Vorderrad total verbogen ist. Ans Weiterfahren war so nicht zu denken, nicht einmal schieben konnte ich mein Rennrad.

Aber zum Glück ist ein mobiler Mechaniker Wagen des Veranstalters in der Nähe. Auf meine Frage, ob ich die Eroica nach der Reparatur noch fertig fahren könne, schaut mich der Mechaniker freundlich an und meint „no problema“. Er nimmt darauf das Vorderrad übers Knie, so wie man üblicherweise dicke Äste im Wald bricht und biegt es wieder gerade. Nach 20 weiteren Minuten Vorderrad zentrieren kann ich mich wieder auf den Weg zur ersten Raststation im Städtchen Radda machen. Mit viel Liebe werden hier den Radfahrern geschmierte Brote und Trauben vor der rustikalen Stadtmauer angeboten. Exotisch und fein sind die in Wein getauchten süssen Weissbrote. Der nächste Abschnitt ist erneut Toskana pur; Die strade bianche verlaufen durch Olivenhaine und buschige Wälder. Die Aussicht auf die vielen kleinen Ortschaften auf den Hügeln mit den romanischen Türmen ist grandios. Teilweise sind die steilen Staubstrassen technisch anspruchsvoll, eher Mountainbike Terrain nach heutigem Standard. Immer wieder wird das Material durch die vielen Schlaglöcher aufs Äusserste getestet. Mehr als einmal wünsche ich mir, dass mein Rennrad noch bis ans Ziel zusammenhält.  Immer wieder bewundere ich die wundschönen restaurierten Rennräder, einige fast 100 Jahre alt. Die Sonne ist nun bereits über den Zenit gewandert und die gossen Quellwolken spenden immer wieder willkommenen Schatten. Im gleissenden Licht geht es auf die zweitletzte Abfahrt auf einer holprigen strada bianca. Da versagt plötzlich die Vorderbremse. Trotz vollem Durchziehen bremst sie nicht mehr. Mit den Schuhen und einer quietschenden Hinterbremse komme ich zum Stehen. Die ständigen Vibrationen haben eine Schraube am Bremshebel gelöst, welche nun irgendwo auf den letzten Kilometern im Staub liegt. Die steilen Abfahrten gehe ich nun gezwungener weise gelassener an, trotzdem muss ich bremsen und es beginnt nach Gummi zu riechen. Vor mir sehe ich einen Rennradfahrer der wegen eins Platten

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sein tolles Atala-Rennrad schiebt. Da sich mein Hinterrad sowieso abkühlen muss, bleibe ich stehen und schenke ihm meinen Reserve-Colle. Nach fünf Minuten und einem „Molto Grazie“ sind wir beide wieder auf der Strecke bergab. Mein Hinterrad erhitzt sich weiter und plötzlich bemerke ich ein regelmässiges Holpern. Der Colle-Kleber ist geschmolzen, der Reifen verrutscht und beim Ventil deutlich ausgeweitet. Falls der Reifen jetzt platzt muss ich einen anderen Teilnehmer um einen Reservereifen anbetteln, da ich meinen ja hergeschenkt habe. Um meine Chancen zu erhöhen, das Ziel zu erreichen bastle ich mit dem Autoschlüssel den Bremshebel so um, dass ich nun die Vorderbremse anstelle der Hinterbremse benutzen kann. Bei den steilen Abfahrten auf den strade bianche muss ich aber jetzt schieben, zu gross ist die Gefahr erneut zu stürzen. Der letzte Anstieg ist mir daher sehr willkommen. Voller Elan trete ich den letzten Berg hoch bis ein Strassenschild verkündet: „Gaiole 12km“. Etwas beruhigt trete ich weiter, denn diese Strecke schaffe ich im Notfall auch zu Fuss noch vor Sonnenuntergang. Die letzten paar Kilometer lasse ich es die Strasse hinunter rollen und versuche nur mit dem Windwiederstand zu bremsen, was erstaunlich gut gelingt. Durchs Ziel fahre ich bald darauf mit einem holpernden Rad, mit nur einer funktionierenden Bremse, mit einem aufgeschürften Arm, aber einem strahlenden Gesicht.

 
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