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Fuji san (Mt. Fuji Besteigung) 2018

Published on September 13, 2018 by in Trail-Run

Die Japaner beschreiben den Mt. Fuji als einen scheuen Berg. An nur 80 Tagen im Jahr ist der 3778 Meter hohe Berg wolkenfrei und kann dann aus der Ferne bestaunt werden. Seine heutige, dichte Wolkendecke ist ein Ausläufer des grossen Taifuns Jebi, welchen wir zwei Tage später in Kyoto mit all seiner Kraft erleben werden. Das Abenteuer wage ich gemeinsam mit Florian S., nachdem wir am Meiji-Schrein in Tokyo um mildes Wetter gebeten haben: Münze in den Spendentopf werfen, 2x tief verbeugen, 2x klatschen und 1x tief verbeugen.

Am Fusse des Mt. Fuji – in Gotmeba, regnet es leicht, aber die Temperaturen sind im September weiterhin angenehm über 20 Grad. Wir steigen hier zwar in den richtigen Bus ein, bemerken aber wegen der ausschliesslich japanischen Anzeigen und den beschlagenen Fenster nicht, wo wir hätten aussteigen sollen und fahren so viel zu weit – wieder den Berg hinunter. Der Fehler lässt sich auch mit Hilfe eines japanischen Ticketverkäufers bei der nächsten Station nicht mehr beheben. Der einzige Bus in die Gegenrichtung fährt erst viel später und der Taxistand ist leer. Wir müssen aber bald aufbrechen, um das Wetterfenster nicht zu verpassen und vor Schliessung der Tore beim Berghaus auf über 3700 m.ü.M. einzutreffen.

Also planen wir den Aufstieg neu: anstatt dem Gotemba-Trail entlang, gehen wir zuerst durch einen längeren Waldabschnitt bis zum Fujinomija Trail (6th Station) und dann den steileren Weg bis ganz oben. Kurz kommen Zweifel auf, da am Einstieg in den Wald ein Schild mit einem Bären und gefährlich aussehenden japanische Zeichen steht. Der Ticketverkäufer hat uns jedoch mit Handzeichen zu verstehen gegeben, dass wir in diesen Wald dürfen. Der Wald am Fuss des Mt. Fuji ist sehr dicht und hat eine zweifelhafte Berühmtheit als Suizidwald erlangt. Wir folgen den roten Markern und machen dank unserer Gehstöcken gut Höhe. Die angegebenen Zeiten auf dem Wegweisern können wir halbieren. Es ist tropisch feucht im Wald und wir schwitzen stark. Dazu kommt ein leichter Nieselregen, sodass wir innert kürzester Zeit tropfnass sind. Meine Brille ist so beschlagen, dass ich ohne deutlich mehr sehe und weniger stolpere.

Nach zwei Stunden kommen wir am kleinen Gasthaus (6th Station) an und stärken uns nochmals vor dem steilen Aufstieg mit einigen Riegeln und einer Schale Grüntee. Die Hüttenwirtin kehrt nach dem Servieren gleich wieder zum kleinen Kohlefeuer zurück, um das Brandeisen zu erhitzen. Es ist ein hier üblicher Brauch einen Wanderstab mitzunehmen und sich bei jeder Station im Aufstieg als Bestätigung ein Brandsiegel abzuholen. Mit vollen Wasserflaschen brechen wir zum Gipfel auf. Wasser und Toiletten werden auf diesem Lavahügel zu einem kostbaren Gut. Die Trinkwasserversorgung für die Bergsteiger ist gut organisiert, die Preise steigen mit zunehmender Höhe jedoch markant. Auf dem Gipfel kosten 5dl Wasser rund 5.- CHF. Freies Pinkeln ist am heiligen Berg verboten, aber in jeder Hütte steht gegen ein kleines Entgelt ein Klo für die Bergsteiger bereit.  

Vor uns sehen wir eine Gruppe gut ausgerüsteter Japaner, welche langsam die ersten Schritte über das Lavagestein nach oben wagen. In sportlicher Manier überholen wir sie bald mit einem freundlichen «Konishiwa» (japanisch für «Guten Tag»). Der Untergrund wechselt oft, von grossen, scharfkantigen Lavabrocken, über kleines Geröll bis hin zu ascheartigem Sand. Die Stöcke sind beim steilen Aufstieg eine grosse Unterstützung.

Ohne Bäume sind wir am Vulkankegel plötzlich Wind und Wetter ausgesetzt. Zuerst freuten wir uns der feuchten Hitze des Waldes entkommen zu sein, doch nun bläst ein kalter Wind. Genau in dieser Situation kann unsere Funktionssportwäsche glänzen. Meine X-Bionic Kleidung hat zuerst gekühlt und wirkt jetzt dank ihrer Isolation wärmend. Da es nicht in Strömen regnet,  genügt darüber eine atmungsaktive Regenhaut, um genügend Körperwärme zu konservieren.

Wir sind leicht und schnell unterwegs und machen wenige Pausen im Schutz von Felsen. Die Ausrüstung der anderen Bergsteiger variiert stark: einige tragen einen riesigen Rucksack und einen Overall, der für eine Everest-Besteigung gereicht hätte, andere sind sehr einfach ausgerüstet mit leichten Trekkingschuhen und Plastiksäcken als Fäustlinge.

Wir entdecken nur sehr wenige Ausländer. Weit über 90% der Berggeher sind Japaner, welche die schneefreie Zeit im Herbst nutzen, um den heiligen Berg zu besteigen. Bei jedem Schrein, gehen die Japaner kurz in sich, klatschen, murmeln ein Gebet und verbeugen sich dabei mehrfach. Verlaufen kann man sich nicht, es geht stets einen gut markierten Pfad nach oben. An kritischen Stellen wurden lange, weisse Seile im Boden zur Orientierung und als Haltevorrichtung verankert.

Nach 3200 m.ü.M. werden die Schritte im Aufstieg kleiner und jede kurze Pause ist willkommen. Bald kann man wählen zwischen einem freundlichen «Konishiwa» oder weiteren zwei Schritten nach oben – beides verbraucht in etwa gleich viel Energie. Einige Japaner haben sogar Sauerstoff in Sprühdosen dabei und gönnen sich alle paar Minuten eine Prise Meeresluft.

Im weiteren Aufstieg ziehen dichte Wolken auf. Die Temperatur sinkt auf 3 Grad und der kalte Nebel setzt uns zusätzlich zu. 500 m unterhalb des Gipfels suchen wir hinter dem Türbogen einer kleinen Hütte Schutz. Einige Minuten Pause und einen Energieriegel später sind wir erneut auf dem steilen Weg nach oben. Es sind nur noch wenige andere Wanderer um uns. Die GPS-Uhr bestätigt uns, dass wir schon bald den Schrein am Krater sehen sollten. Tatsächlich können wir mit klammen Fingern einige Minuten später, nach rund vier Stunden und 30 Minuten Aufstieg, das langersehnte Gipfelfoto auf 3770 m.ü.M. knipsen.

Nach einem kurzen Besuch bei den Mönchen im Schrein, klopfen wir bei unserer Berghütte an, welche sehr solide, ja fast bunkerartig gebaut ist. Es tut gut den Schutz vor der Witterung zu fühlen. Wir werden korrekt aber schroff empfangen und in gebrochenem Englisch werden uns die Hüttenregeln erklärt: nasse Jacken hier, Schuhe dort ins Fach, Essen um 5 p.m., Lichterlöschen um 6 p.m., Aufstehen um 4 a.m., Massenlager hinter einer Schiebetüre und das Klo ist hinten rechts.

Das Massenlager ist spartanisch angelegt: am Boden liegen lückenlos rosarote Matratzen eng beisammen, jeder bekommt eine Decke und ein Kopfkissen aus Kirschkernen. Einige Wanderer nutzen die Gelegenheit sich vor dem Nachtessen unter den Decken aufzuwärmen. Die Hütte hat keine Heizung und unsere Nasenspitzen bleiben die ganze Nacht über kalt. Der Weg zur Toilette führt über einen langen Gang, den man mit Plastikschlappen erreicht. Ein Poster an der Wand zeigt, wie aus den Exkrementen später Blumenerde entstehen kann und versucht so dem äussert starken Ammoniak-Gestank eine positive Note zu verleihen.

Wir wechseln in unsere letzten trockenen Kleider und setzen uns an den Tisch. Das Nachtessen ist lecker, klebriger Reis nach japanischer Art mit Curry und Miso-Suppe. Nach dem strengen Aufstieg hätten wir gut und gerne eine doppelte Portion vertragen, doch leider gibt es keinen Nachschlag. Punkt 6 p.m. wird das Licht nach einer kurzen Vorwarnung durch den Hüttenwirt gelöscht. Die Geräuschkulisse ändert sich sofort: Das Surren des Dieselgenerators draussen verstummt aber der heulende Wind und die peitschenden Regentropfen sind nun deutlich besser hörbar. Wir haben noch etwas Jetlag und können beim besten Willen nicht um 18 Uhr einschlafen. Da hilft auch der Gipfel-Sake nicht, welchen wir im Rucksack hochgetragen haben. Wegen der dünnen Luft haben wir zudem konstante, leichte Kopfschmerzen, die Fingerspitzen kribbeln und wir werden oft durch unsere eigenen tiefen Atemzüge geweckt. Mit dem Kirschkernkopfkissen kann ich mich, trotz anfänglicher Euphorie, nicht wirklich anfreunden. Wir schlafen schlecht und träumen von weichen Matratzen und Daunenkopfkissen.

Noch nie habe ich mich so sehr gefreut um 4 Uhr in der Früh aufstehen zu dürfen. Nach einer Katzenwäsche gibt es wieder Reis, diesmal mit fermentierten Fischstücken aus dem Alubeutel. Wir sind nicht zimperlich, da wir die Kalorien noch brauchen werden. Der penetrante  Fischgeschmack bleibt uns jedoch noch den ganzen Tag im Gaumen erhalten. Um 5 Uhr packen wir unseren Rucksack und bereiten uns zum Aufbruch vor. Nun tragen wir sämtliche Kleider nach dem guten alten Zwiebelprinzip und ziehen die Kapuze tief ins Gesicht. Vor unserer Hütte werden wir von 40 Japanern begrüsst, welche den Mount Fuji auf die klassische Weise in der Nacht mit dem Licht einer Stirnlampe bestiegen haben, um bei Sonnenaufgang auf dem Gipfel zu stehen. Sie warten sehnlichst darauf, dass die Hütte nun endlich auch für sie geöffnet wird. Auf unserem Weg um den Krater reissen die Wolken kurzzeitig auf und wir sehen weit unten Lichter von Städten und erhaschen einige Strahlen der aufgehenden Sonne. Auch der gigantische Krater selber wird nun zum ersten Mal sichtbar.

Wir sind glücklich mit unseren Erlebnissen auf dem Mt. Fuji und beginnen den Abstieg. Obwohl die Wege gut beschriftet sind, erwischen wir erneut den falschen Pfad und bemerken dieses Malheur erst weit unterhalb des Kraters. Nochmals hoch zum Krater um die richtige Abzweigung zu suchen, ist in dieser dünnen Luft keine Option.  Es folgt eine lange, ausgesprochen sandige Partie, welche wir mit grossen Schritten schnell durchlaufen können. Es klart weiter auf und wir können nun zwischen den Wolkenschichten endlich grosse Teile des imposanten Berges sehen. Irgendwie sind wir froh, dass wir beim gestrigen Aufstieg nie den gewaltigen und einschüchternden Aufstieg auf einmal gesehen haben. Mit jedem abgestiegenen Höhenmeter scheint es spürbar wärmer zu werden und wir stopfen unsere Kleider Schicht um Schicht zurück in den Rucksack. Weiter geht es im Zick-Zack nach unten bis zur Waldgrenze, dann durch dichtes Buschwerk bis an die 5th Station des Subashiri-Trails, wo wir uns zur Feier des Tages eine Schweinefleisch-Misosuppe bestellen. Später fahren wir mit dem öffentlichen Bus nach Gotemba City zurück. Da viele Wanderer den Auf- und Abstieg in einer Nacht absolviert haben, scheint der Bus voller Zombies, welche bald einschlafen und in den Kurven fast von ihren Sitzen kippen. Ein schönes Abenteuer ist erfolgreich zu Ende gegangen. Gute Planung und solide Ausrüstung haben sich einmal mehr ausgezahlt.

 
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